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CHINA | bücher: „Die Weisse Pagode und andere Erzählungen“ von Cheng Wei

1 Juli 2010 2.629 views No Comment

Endlich gibt es ein Buch über China in der deutschen Sprache, das über „normale“ Chinesen und ihre emotionale Welt berichtet. Ein Buch über das Erleben junger Menschen, die erwachsen werden und ihre Erfahrungen machen. Diese Erfahrung könnte, in abgewandelter Form, auch genauso in Deutschland, bei den deutschen Jungendlichen, stattfinden.

Bisher finden überwiegend die „exotischen“ Themen über China in Deutschland großes Interesse, die in das westliche China-Klischee passen. China als das Land des „Wirtschaftwunders“ oder auch als Land der „Unterdrückung“  – ein Land, das vielen Deutschen immer noch sehr „fremd“ vorkommt. In vielen deutschsprachigen Veröffentlichungen wird über das Leiden der Chinesen berichtet. Dabei könnte man fast das Gefühl bekommen, es wird über ein fremdes Land auf einem fremden Planeten berichtet. Natürlich möchte ich nicht behaupten, dass die Chinesen nicht leiden würden. Aber wenn wir ehrlich sind, sind wir, die wir in Deutschland leben – einem Land, das so stolz auf seine gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Errungenschaften ist – , auch nicht gerade das glücklichste Volk der Erde. Natürlich ist in China einiges verbesserungsbedürftig, aber wenn man sich ein „ganzheitliches“ Bilder von China machen will, muß auch die Literatur in ihrer ganzen thematischen Vielfalt berücksichtigt werden. Bisher kennt man in der Literatur  hauptsächlich Werke über chinesische Frauen, die gezwungen waren, von klein auf die Füße zu binden, bis hin zu regierungskritischen Werke oder Werken, die die Verfolgung durch die chinesische Regierung beklagen. Es gibt eine deutliche thematische Lücke: Es wird zu wenig über das „normale“ bürgliche Leben in China geschrieben.  Verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde es natürlich gut, dass sich inzwischen soviele auf Deutsch veröffentlichte Bücher mit China beschäftigen. Sei es als Historischer Roman wie „Wilde Schwäne“, sei es als Aufarbeitung der Kulturrevolution wie „Die kleine Schneiderin“, oder auch als Liebesdrama wie „Die chinesische Geliebte“. Geschrieben wurden diese Werke von chinesischen Autoren, die im Ausland leben. Bei Cheng Wei ist das anders. Das Buch „Die Weisse Pagode“ ist zwar ihr erstes auf Deutsch veröffentlichtes Buch, doch in China ist Cheng Wei bereits seit den 80er Jahren bekannt. Ihre Bücher wurden schon damals unter den Jugendlichen gern gelesen. Als ich heute die Geschichte „Die Weisse Pagode“ und andere Erzählungen gelesen habe, war ich tief beeindruckt von der feinfühligen Beschreibung der Autorin. Durchgehend schafft die Autorin es in den Erzählungen „Das junge, hellgrüne Gras“, „Das Kind, der alte Mann und das Denkmal“ oder „Die Welt hinter den Bergen“, die  Situation so lebhaft darzustellen, dass der Leser gleichsam mit den Protagonisten zusammen deren bewegte Gefühlwelt durchlebt.

Es ist sehr zu loben an der Autorin, dass sie bereits so früh dieses Verständnis für junge Menschen hatte, so dass sie schon vor 25 Jahren angefangen hat, über die Trauer, die Verzweifelung, die Hoffnung und die Träume junger Menschen zu schreiben. Wie die Autorin bei der Vorstellung ihres Buches sagte, tat sie das in einer Zeit, als in der chinesischen Gesellschaft noch allgemeiner Konsens herrschte, das es schlecht sei, über die Liebe zu schreiben. Außerdem gab es zu damaliger Zeit nichts zu lesen als die Mao-Bibel und offiziellen Partei-Veröffentlichungen. Cheng Wei zeigt sehr viel Mut mit ihren Werken. Ihre Helden sind keine Menschen, die groß von der Partei gefeiert werden. Sie sucht bewusst ihre Helden aus, entweder sind es ein paar Kinder, die hartnäckig ihr Versprechen halten wollen („Die weiße Muschel“) oder ein Junge, der von der Schule geflogen ist, weil er ein Mädchen nachts heimlich beschützt hat (Die tiefe Gasse). Die Helden sind die kleinen Menschen, oft in unserer Nähe. Die Botschaft: Man muß mit mehr Aufmerksamkeit durch das Leben gehen und emotional mehr auf die anderen Menschen zugehen, mehr Rücksicht und mehr Mitgefühl zeigen.

Es gibt viele gut Literatur aus und über China. Das Buch – „die Weisse Pagode und andere Erzählungen“ von Cheng Wie zählt meiner Meinung nach ganz gewiß dazu. Cheng Wei zeichnet auch ein besonderer scharfer Sinn für die atmosphärischen Nuancen aus. Obwohl sie im ganzen Buch keine politische Äußerung vornimmt, gibt sie dennoch dem Leser in vielen kleinen Bemerkungen wie – „das ewige Geheimnis“  – einen Eindruck von dem politischen Leben in China. Im Cheng Weis Buch findet zwar keine politische Unterdrückung statt, aber die Geschehnisse  zwischen den vielen unbekannten Figuren zeigen die Vielfalt zwischenmenschlicher Beziehungen in China. Von der ersten Erzählung an zieht das Buch den Leser in seinen Bann.

Das Buch ist gut gelungen, sowohl sprachlich als auch in seiner Thematik. Es stellt einen wichtigen, bisher fehlenden Mosaikestein im China-Bild von allem der deutschen Leser dar.  Kurz – das Buch schließt eine Lücke in unserem Verständnis der chinesischen Kultur, die bisher noch unüberwindbar schien.

Außerdem finde ich, dass das Buch auch in pädagogischer Hinsicht eine sehr gute Lektüre ist, insbesondere für Lehrer oder Menschen, die mit Jugendlichen arbeiten. Einige Erzählungen des Buches sprechen die Problematik der Erziehung an und stellen die innere Welt der Jugendlichen sehr plausibel dar. Cheng Wei beherrscht die Sprachkunst hervorragend, so dass man das Buch gut in einem Zug durchlesen kann. Abgesehen davon, musste ich zwischendurch doch das eine oder andere mal unterbrechen, weil ich so tief von der Geschichte im Buch gerührt wurde, dass ich mich erst mal „ausweinen“ musste.

Allen Bücherfreunden und Freunden chinesischer Literatur sei dieses Buch empfohlen. Geeignet auch als Geschenk für junge Leute ab14, aber natürlich auch für Erwachsen jeden Alters.
(17,80 Euro, ISKOPRESS Verlag)

vorgestellt von Ying-Ina Schulz, gelesen am 12.2009.

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